Barrierefreiheit im Internet: Warum du deine Website jetzt anpassen solltest 

Am 15. Oktober 2022 von Christian Waske

Barrierefreiheit im Internet: Warum du deine Website jetzt anpassen solltest 

Wie im realen Leben, existieren auch im digitalen Leben viele Barrieren, Blockaden und Einschränkungen, durch die besonders behinderte, aber auch „nur“ psychisch oder physisch beeinträchtigte Menschen große Schwierigkeiten haben, eine Website sowie deren Inhalte problemlos zu nutzen.

Leider sind die allermeisten Homepages auch heute noch kaum bis gar nicht für Barrierefreiheit optimiert, sondern mehr auf Marketing ausgerichtet, mit viel „Schnickschnack“, um aufzufallen und zu verkaufen, während beeinträchtigte Menschen dabei vollkommen auf der Strecke bleiben.

Dabei schließt die barrierefreie Ausrichtung einer Website Marketing überhaupt nicht aus – im Gegenteil. Barrierefreiheit bringt mehr Besucher, weil sowohl gesunde als auch beeinträchtigte Menschen diese ohne digitale Einschränkungen besuchen und mit ihr interagieren können.

Wenn du dir bisher kaum oder gar keine Gedanken über das Thema Barrierefreiheit gemacht hast und selbst eine Website betreibst, dann kannst du hier erfahren, warum du deine Website jetzt anpassen solltest beziehungsweise was du dabei unbedingt beachten musst.

Was genau bedeutet Barrierefreiheit bei Websites?

Zunächst einmal ist es wichtig, zu verstehen, was Barrierefreiheit im Internet überhaupt bedeutet. Tatsächlich ist der Begriff Barrierefreiheit genau definiert und mit vorgegebenen Standards verknüpft.

Ob und in welchem Ausmaß eine Homepage also wirklich als barrierefrei bezeichnet werden kann und darf, entscheiden unter anderem die WAI, die hierfür die sogenannten WCAG definiert hat, sowie die deutsche BITV.

Was bedeutet die WAI?

Die Abkürzung WAI steht für „Web Accessibility Initiative“ und wurde bereits 1997 als Unterorganisation des „World Wide Web Consortium“ (W3C) ins Leben gerufen. Dieses wiederum legt seit 1994 unter anderem die technischen Standards für Websites fest.

In Bezug auf die Barrierefreiheit von Webseiten definierte die WAI schließlich konkrete Richtlinien und Eigenschaften, die eine Website erfüllen muss, um als barrierefrei zu gelten. Ein Standard hierfür bilden die sogenannten WCAG.

Was bedeuten die WCAG?

Die Abkürzung WCAG steht für „Web Content Accessibility Guidelines“, was im Deutschen frei übersetzt so viel wie „Richtlinien für barrierefreie Webinhalte“ bedeutet. Im Wesentlichen unterteilen die WCAG diese Richtlinien in die vier Hauptprinzipien Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit. Im Konkreten bedeutet das:

Wahrnehmbarkeit:
Alle Inhalte und Bestandteile einer Homepage müssen den Besuchern uneingeschränkt zugänglich sein und so dargestellt werden, dass sie diese wahrnehmen können. Ein Beispiel sind Bilder oder sonstige interaktive Inhalte ohne Text. Solche Elemente müssen durch Textalternativen ersetzt oder von Besuchern so verändert werden können, dass sie in einem letztlich nutzbaren Format dargestellt werden.

Bedienbarkeit
Die Bedienbarkeit einer Website klingt erst einmal logisch, ist aber weitaus komplexer. Eine Website mit Barrierefreiheit muss zusätzlich uneingeschränkt per Tastatur zugänglich sein. Das bedeutet, dass vor allem die reibungslose Navigation (innerhalb eines Menüs, aber auch durch die Inhalte selbst) neben der Mauseingabe auch via Tastaturbefehlen möglich sein muss.

Verständlichkeit
Die auf einer Homepage zur Verfügung gestellten Inhalte und Informationen müssen für die Besucher jederzeit lesbar sowie verständlich sein. Was bereits für gesunde Menschen auf manchen Webseiten in Bezug auf Fachbegriffe und unverständlich ausgedrückte Formulierungen oftmals ein Problem darstellt, wird für eingeschränkte Menschen ein Ding der Unmöglichkeit. Das beinhaltet unter anderem, dass die Texte auf Webseiten durch eine Software bestimmt und beispielsweise verständlich in eine Sprachausgabe umgewandelt werden können.

Robustheit
Die Robustheit einer Homepage in Bezug auf die Barrierefreiheit bedeutet in erster Linie, wie diese technisch aufgebaut ist, damit zum Beispiel Hilfsprogramme uneingeschränkt funktionieren und die Inhalte zuverlässig interpretieren können. Dies schließt vor allem die Syntaxanalyse sowie eine bestimmte Zeichensetzung ein, durch deren inkorrekte Verwendung Fehlinterpretationen oder Fehlfunktionen auftreten können.

Messung über definierte Erfolgskriterien
Die vier Hauptprinzipien unterliegen ihrerseits wiederum definierten Richtlinien. Diese Richtlinien werden als „Success Criteria“ bezeichnet und sind letztlich Erfolgskriterien, über die der Grad der Barrierefreiheit einer Website gemessen wird. Diese Kriterien werden in die drei Level beziehungsweise Konformitätsstufen A, AA und AAA eingeteilt.

Die Erfolgskriterien wurden zudem mit der Zeit immer wieder überarbeitet und ergänzt, was zur Folge hat, dass es bis heute insgesamt 78 Kriterien gibt, während 50 davon sogar mit dem Level AA versehen sind. Im Übrigen beruht die Einhaltung dieser Richtlinien auf Freiwilligkeit, was bedeutet, dass sie nach eigenem Ermessen angewendet werden können, aber nicht zwingend müssen. Dies wiederum stimmt nicht uneingeschränkt, worauf wir im späteren Verlauf noch genauer eingehen werden.

Was bedeutet die BITV?

Im Grunde genommen ist die BITV der WAI sehr ähnlich. BITV steht für die deutsche „Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung“ und definiert sogar gesetzlich bindende Vorgaben für Internetangebote von öffentlichen Einrichtungen in Bezug auf deren Barrierefreiheit.

Dabei ist diese Verordnung keine eigenständige, sondern basiert zum einen auf einer bereits geltenden europäischen Richtlinie aus 2016 und schließt zudem die 50 bereits existierenden Level-AA-Kriterien der oben genannten WCAG (2.1) mit ein.

Kurze Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass der Grad der Barrierefreiheit einer Website durch konkrete Richtlinien definiert wird. Diese Richtlinien werden von der Web Accessibility Initiative (WAI) durch die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) festgelegt.

Die WCAG unterteilen die Richtlinie in die vier Hauptprinzipien Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit sowie Robustheit, die wiederum den als „Success Criteria“ bezeichneten Erfolgskriterien unterliegen und in die drei Konformitätsstufen (Level) A, AA und AAA eingeteilt werden.

Die bis heute insgesamt 78 Kriterien werden durch das deutsche Pendant, die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung, ergänzt, die in Deutschland sogar gesetzlich bindende Vorgaben für Internetangebote von öffentlichen Einrichtungen definiert, damit diese als barrierefrei gelten.

Warum sollte eine Website barrierefrei erstellt werden?

Warum eine Website grundsätzlich barrierefrei erstellt werden sollte, klang bisher bereits durch. Im Prinzip geht es darum, dass vor allem auch behinderte und eingeschränkte Menschen diese so problemlos wie möglich nutzen können.

Doch was bedeutet das genau? Was für gesunde Menschen so einfach klingt, ist sehr viel komplexer. Das fängt schon damit an, dass nicht jede körperliche oder geistige Einschränkung bereits eine Behinderung darstellt. Trotzdem kann diese Einschränkung dazu führen, dass Menschen Inhalte einer Website nicht richtig oder sogar gänzlich anders wahrnehmen, als es vorgesehen ist. Je nachdem, welche Inhalte das sind, können dadurch teilweise große Probleme entstehen.

Im Folgenden möchten wir dir die häufigsten digitalen Barrieren bei Websites aufzeigen und erläutern, warum die Thematik sehr viel komplexer ist, als sie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Denn beispielsweise einfach eine größere Schrift zu verwenden, reicht bei Weitem nicht aus.

Die häufigsten digitalen Barrieren und Einschränkungen

Visuelle Barrieren und Einschränkungen
Eine zu kleine Schrift hatten wir bereits angesprochen. Das ist meist das Erste, was Webdesignern in den Sinn kommt, wenn es darum geht, dass die zu erstellende Seite gut leserlich sein soll. Aber dieser Aspekt reicht bei Weitem nicht aus.

Eine weitere Barriere auf Homepages sind zu geringe Farbkontraste. Was eigentlich rein von der Logik her schon vermieden werden sollte, ist leider immer noch viel zu oft zu beobachten: Dunkle Schrift auf ebenfalls dunklem Hintergrund, wo man sich schon als gesunder Mensch fragt, was das soll.

Menschen mit einer Sehschwäche oder Farbenblindheit haben hier überhaupt keine Chance, die Inhalte richtig wahrzunehmen. Wenn dieser Umstand dann noch mit einer zu kleinen Schrift kombiniert wird, ist nichts mehr zu erkennen. Häufig sind bestimmte visuelle Inhalte auch schlichtweg versteckt, was diesen Menschen das Auffinden von zum Beispiel wichtigen Links sehr erschwert oder unmöglich macht.

Akustische Barrieren und Einschränkungen

Auch akustische Barrieren können vor allem Menschen mit eingeschränktem Hörvermögen oder Taubheit vor große Probleme stellen. Dazu gehören besonders Videos ohne Untertitel. Aber auch reine Tonaufnahmen können ohne spezielle Erläuterungen sehr schwierig wahrnehmbar sein, wenn Besucher zwar grundsätzlich hören können, aber aus bestimmten Gründen nicht alles zu 100 % wahrnehmen können.

Doch auch das genaue Gegenteil kann eine Barriere darstellen. Zu laute Umgebungen, wie etwa plötzlich automatisiert startende Videos mit lauten Geräuschen oder in Schleife abgespielte Hintergrundmusik, können für viele Menschen sehr störend sein und die Konzentration beeinträchtigen.

Motorische Barrieren und Einschränkungen
Neben rein visuellen und akustischen Einschränkungen können auch motorische Beeinträchtigungen das Interagieren mit einer Website erschweren oder sogar unmöglich machen. Es gibt Menschen, die ihre Hände nicht richtig bewegen können, weil sie Probleme mit der Koordination haben.

Oftmals ist es diesen nicht möglich, eine Maus oder sogar ein Touchpad zu bedienen. Ohne die Möglichkeit, eine Seite auch lückenlos mit der Tastatur bedienen zu können, haben diese Menschen große Schwierigkeiten. Bei vielen Websites ist auch der Fokus der Maus oder der Tastatur schlichtweg nicht zu erkennen oder der Mauszeiger wird durch unsinnige „Skript-Spielereien“ verändert dargestellt.

Kognitive Barrieren und Einschränkungen

Kognitive Einschränkungen betreffen bei Weitem nicht nur Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern auch Gesunde. Dazu gehören unter anderem Fremdwörter, Fremdsprachen, unnötige Fachbegriffe oder undeutliche Formulierungen.

Aber auch der Aufbau einer Homepage kann kognitive Barrieren schaffen. So stellen überladene Strukturen, verschachtelte Menüs oder eine unübersichtliche Navigation große Hürden dar.

Einschränkung bedeutet nicht gleich Behinderung

Vielleicht hast du bisher den Ansatz vertreten, dass du dich mit deiner Website nur an gesunde Menschen richtest und deine Seite deshalb nicht zwingend barrierefrei sein muss. Doch wie bereits erwähnt, bedeutet eine Einschränkung nicht gleich eine Behinderung.

Von einer Behinderung spricht man erst dann, wenn eine Beeinträchtigung (zum Beispiel eine der oben beschriebenen) dauerhaft und chronisch auftritt. In Bezug auf Homepages ist das beispielsweise Blindheit, Taubheit und so weiter. Tritt eine solche Einschränkung nur zeitweise beziehungsweise in bestimmten Situationen auf, ist es keine Behinderung, sondern eine zeitlich begrenzte Krankheit oder Verletzung.

Doch was bedeutet das hinsichtlich fehlender Barrierefreiheit auf Websites? Ganz einfach: Menschen, die deine Website zum ersten Mal besuchen und zu diesem Zeitpunkt gerade eine temporäre Beeinträchtigung haben, werden deine Website sofort verlassen und in aller Regel nicht mehr wieder kommen.

Wann muss eine Website zwingend barrierefrei erstellt werden?

Auch wenn die zu Beginn erwähnten Richtlinien der WAI existieren und die deutsche BITV sogar gesetzliche Vorschriften für Internetangebote von öffentlichen Einrichtungen macht, so besteht für private Websitebetreiber keine Verpflichtung, ihre Inhalte barrierefrei zu gestalten.

Dennoch solltest du dich beim Erstellen zumindest an diesen Richtlinien orientieren, um ein Mindestmaß an Barrierefreiheit zu gewährleisten. Es ist eine Win-win-Situation, denn zum einen kannst du mit einer barrierefreien Homepage sehr viel mehr Menschen erreichen (hast also mehr Besucher) und zum anderen ist es auch für gesunde Menschen sehr viel einfacher, mit deiner Seite zu interagieren.

Darüber hinaus werden deine Besucher deutlich zufriedener sein, weil sich keine unnötigen Ärgernisse ergeben, die Zeit und Nerven kosten. Zudem ist es mittlerweile so, dass Suchmaschinen (allen voran Google) Internetseiten mit Barrierefreiheit sogar belohnen. Somit wird dein Webauftritt eher gefunden.

Konkrete Tipps: So erstellst du eine Website mit Barrierefreiheit

Sicherlich stellst du dir jetzt die Frage „Was kann ich tun, um für meine Homepage ein möglichst hohes Maß an Barrierefreiheit zu erreichen?“. Im Folgenden möchten wir dir einige konkrete, grundlegende Tipps aufzeigen, die du schnell und einfach umsetzen kannst.

1. Saubere, logische Struktur
Verwende eine saubere und logische Struktur. Es ist wichtig, dass deine Besucher zu jeder Zeit klar erkennen können, wo genau sie sich auf deiner Seite befinden und wie sie im Bedarf schnell wieder zurück zu bereits besuchten Unterseiten gelangen. Platziere auf jeder Unterseite eine leicht zugängliche Navigation.

2. Einfache Sprache
Nutze stets eine einfache Sprache. Je nachdem, welche Zielgruppe du ansprichst, lässt es sich natürlich nicht immer vermeiden: Vermeide jedoch unnötige Fachbegriffe und umständliche Formulierungen.

3. Beschriftung von Bildern und Videos
Bilder und Videos gehören heutzutage einfach dazu. Versehe Videos aber möglichst mit gut lesbaren Untertiteln und nutze bei Bildern die ALT- und TITLE-Tags beim Erstellen der Seite, um diese so mit einer Beschreibung zu versehen.

4. Lückenlos einfache Bedienung
Achte darauf, dass alle Inhalte deiner Seite möglichst lückenlos sowohl per Maus als auch Tastatur bedient werden können. Dazu gehören vor allem die Navigation, Links und Formulare.

5. Einheitliche URL-Struktur
Die einzelnen URLs – also die Adressen – deiner Unterseiten sollten stets einer einheitlichen Struktur folgen. So stellst du sicher, dass jeder Besucher immer sofort erkennt, dass es sich um eine Unterseite handelt und zu welcher Hauptthematik diese gehört.

6. Deutlich abgegrenzte Navigation
Grenze die Navigation deutlich von den anderen Inhalten ab. Gestalte diese gut leserlich, mit hohem Farbkontrast sowie leicht bedienbar. Hierdurch machst du es deinen Besuchern so einfach wie möglich, mit den Inhalten zu interagieren.

7. Kontrastreiches Design
Ganz wichtig ist, dass du kontrastreiche Farben verwendest. Wenn du eine dunkle Schriftfarbe nutzt, solltest du immer darauf achten, einen möglichst hellen Hintergrund zu wählen und umgekehrt. Idealerweise nutzt du eine schwarze Schrift auf weißem Hintergrund. Diverse Studien haben übrigens gezeigt, dass es für das menschliche Auge sogar angenehmer ist, weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund zu betrachten.

8. Wichtige Inhalte überall
Wichtige Inhalte wie beispielsweise das Impressum, die Kontaktmöglichkeit oder das Eingabefeld für die Suche solltest du stets auf jeder Unterseite gut erkennbar platzieren.

9. Auf störende Inhalte verzichten
Verzichte weitestgehend auf störende Inhalte wie Pop-ups, wild blinkende Werbebanner oder automatisiert startende Videos.

10. Auf interaktive Inhalte möglichst verzichten
Auf interaktive Inhalte, die nicht wirklich zwingend notwendig sind und eher der Aufmerksamkeitsgewinnung dienen, solltest du ebenfalls – wenn möglich – verzichten.

Fazit

Selbst die WAI gibt zu, dass es sehr schwierig ist, eine wirklich komplette Barrierefreiheit in der digitalen Welt zu erreichen. Aber wenn du dich beim Erstellen deiner Website an den Richtlinien der WAI (die WCAG) und den Vorgaben der deutschen BITV orientierst, kannst du diese schon ein großes Stück barrierefreier machen. Unsere oben genannten Tipps können dir zudem dabei helfen, sofort die ersten Schritte zu gehen.